Die moderne Gesellschaft hat ein stetig wachsendes und immer konkreteres Ästhetikbedürfnis im dentofazialen Bereich. Eine kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlung kann sowohl zum ästhetischen Ergebnis als auch zur Vorbereitung für eine andere Fachdisziplin für eine mögliche Rehabilitation des stomatognathen Systems – wie z.B. eine -prothetische Versorgung – beitragen. Bei Patienten mit skelettal offenem Biss und in Relation zum Obergesicht verlängertem Untergesicht sowie erschwertem Mundschluss kann die Verbesserung der Vertikalen durch eine Oberkieferimpaktion erreicht werden. Dadurch kommt es zu einer Harmonisierung der Gesichtsproportionen. Ein elementares Behandlungsziel in der Kieferorthopädie ist die Verbesserung der dentofazialen Ästhetik. Deshalb ist es in vielen Fällen erforderlich, dass mehrere Fachdisziplinen der Zahnheikunde – wie z.B. Parodontologie, Kieferorthopädie, Kieferchirurgie und Zahnerhaltung bzw. Prothetik – an einer Behandlung beteiligt sind, um ein möglichst optimales Resultat hinsichtlich der Funktion, der Ästhetik, der Stabilität und der Zufriedenheit des Patienten zu erreichen.
Fachbeitrag _ Kieferchirurgie/Kieferorthopädie I Relation, in der die erwähnte Unterkieferabwei- chung nach rechts zu sehen ist (Abb. 2b). Das Foto- stat von lateral zeigt ein Vorgesicht schräg nach hinten,undimVergleichzumMittelgesichteinlan- ges Untergesicht -57% : 43% statt 50% : 50% (Abb.2a).DiePatientinhatteeineKlasseII-Dysgna- thie mit mandibulärer Mittellinienverschiebung nach rechts, einen zirkulär offenen Biss und eine Nonokklusion links (Abb. 4a–e). Im Oberkieferzahnbo- gen bestand ein Engstand von 5mm (Abb. 4e). Die Unterkieferaufnahme zeigteinereduzierteBezahnungund Frakturen an den Zähnen 45 und 47 aufgrund des Unfalles (Abb. 4f). Das OPG (Abb. 5) zeigt den infolge des Zahnverlustes entstandenen Knochendefekt im Bereich der Unterkieferfront und den Draht zur Befestigungderprovisorischersetz- ten Zähne. Zahn 45 wies eine komplizierteFrakturauf,klinischlag infolge des Verlustes der lingualen Knochenlamelle ein Lockerungs- grad III vor, sodass der Zahn nicht mehr erhalten werden konnte. Zahn 46 hatte zusätzlich zur Kronenfrak- tur eine apikale Aufhellung. Der rechte Kondylus weist ventral eine leichte zackenförmige Delle auf, der linke Kondylus eine Entrundung. Die höhere Deformation am rechten Kondylus war möglicherweise auf den medioventralen Zwangsbiss zurückzuführen. Die FRS-Analyse in der Zentrik ver- deutlicht die sagittale und vertikale Dysgnathie sowohl im Weichteil- profilalsauchimskelettalenBereich (Abb. 6a, b). Die Parameter wiesen auf einen skelettal offenen Biss hin: distobasale Kieferrelation, aufgrund der posterioren Rotation des Unterkiefers (ML-NSL = 39°) und anterioren Rotation der Oberkieferbasis (Nl-NSL = 6°) großer Interbasenwinkel(ML-NL=33°),leichtverkleinerte Relation zwischen anteriorer und posteriorer Ge- sichtshöhe (PFH/AFH = 60%) bei strukturell aus- geglichen abgelaufenem Wachstumsmuster. Auf- grund des Verlustes der Unterkieferzähne be- grenztesichdiedentaleAnalyseaufdieOberkiefer- front. Die vertikale Einteilung des Weichteilprofils zeigte eine Disharmonie zwischen dem Ober- und dem Untergesicht (G’-Sn : Sn-Me’; 43% : 57%). DieseäußertesichebensoindenknöchernenStruk- turen(N-Sna:Sna-Me;40%:60%).ImBereichdes Untergesichtes bestand ebenso eine Disharmonie (Sn-Stms:Stms-Me’;30%:70%)5, 6, 28, 39–41,(Abb.6a und b, siehe Tabelle). _Therapieziele und Therapieplanung Die angestrebten Behandlungsziele waren: 1.Herstellungeinerstabilenundfunk- tionellen Okklusion bei physiologi- scher Kondylenposition 2. Gewährleistung des Mund- bzw. Lippenschlusses 3. Optimierung der dentofazialen Ästhetik 4. Schaffung der Voraussetzungen für eine adäquate prothetische Versor- gung 5. Erfüllung der Erwartungen bzw. Zu- friedenheit des Patienten. Neben den oben genannten Behand- lungszielen war die Verbesserung der Gesichtsästhetik nicht nur in der Sa- gittalen, sondern auch in der Vertika- len zu nennen. Dies sollte durch eine relative Verkürzung des Untergesich- tes erfolgen. Eine Verkürzung des Untergesichtes als kausale Therapie mit entsprechendem Effekt auf die fa- ziale Ästhetik und Lippenfunktion konnte bei dieser Patientin nur durch eine kombi- nierte kieferorthopädisch-kieferchirurgische Be- handlungerreichtwerden.AlsOperationwurdeeine bimaxilläre Osteotomie geplant. Zur Verbesserung der Vertikalen war eine Oberkieferimpaktion not- wendig, die im dorsalen Bereich stärker als im ven- tralenBereichdurchgeführtwerdensollte.AlsFolge derImpaktionsolltederUnterkiefermitdenKondy- len als „Rotationszentrum“35 in der Sagittalen und Abb. 3_ Kephalometrische Aufnah- men in habitueller Interkuspidation (links) und in Zentrik nach dem Einsetzen der Aufbissschiene (rechts). Abb. 4a–f_ Intraorale Aufnahmen in der Zentrik: distale Okklusions- verhältnisse rechts und links (a–c). Nonokklusion auf der linken Seite (d), Engstände im Oberkiefer (e) und eine reduzierte Bezahnung im Unterkiefer mit Frakturen an den Zähnen 45 und 47 (f). I 43face2_2010 Abb. 4f Abb. 5 Abb. 4a Abb. 3 Abb. 4b Abb. 4c Abb. 4d Abb. 4e Abb. 5_ Orthopantomogramm (OPG) zu Beginn der Behandlung.
