In der Zahnarztpraxis wird das Team berufsbedingt täglich mit Zahnproblemen konfrontiert. Ursachen wie Alter, Mundhygiene, Essgewohnheiten, Vorbehandlungen etc. führen zu mehr oder weniger starkem Behandlungsbedarf. Eine Patientengruppe fällt dem erfahrenen Zahnarzt durch eine zusätzliche Ursache auf: Probleme bedingt durch Essstörungen. Während die zahnmedizinische Behandlung noch keine Hürde darstellt, sind Zahnarzt und Team häufig damit überfordert, der Situation psychologisch korrekt auf den Zahn zu fühlen.
• Wie Sie wissen, ist der Mund hauptsächlich für die Nahrungsaufnahme wichtig. Da Ihre Probleme demnach höchstwahrscheinlich damit zu tun ha- ben, würde ich Ihnen gerne einige weitere Fragen stellen, um die Ursachen genauer einzugrenzen. • Esgehtmirdarum,IhnenbeiIhrenZahnproblemen zu helfen, ich werde nichts weiter beurteilen. Darf ich Ihnen ein paar genauere Fragen stellen? Gehen Sie nun dazu über, deutlicher auf ein even- tuell gestörtes Essverhalten einzugehen. • Fühlen Sie sich wohl in Ihrem Körper? • Haben Sie schon Diäten gemacht? • Ernähren Sie sich einseitig? • Essen Sie heimlich? EsgibtaberauchhiernochPatientinnen,dieweiter- hin jedes abnorme Essverhalten abstreiten. Spätes- tens jetzt ist Ihnen aber klar, worauf das Gespräch hinauslaufen wird. Fragen Sie deshalb wieder deut- lich nach, ob Sie weiter fragen dürfen. Wenn dies nicht der Fall ist, sollten Sie es fürs Erste darauf be- ruhen lassen und lieber beim nächsten Mal fragen, ob der Patientin noch etwas zum letzten Gespräch eingefallen ist. Erlaubt sie zusätzliche Fragen, kön- nen Sie sehr direkt werden. • IchbräuchtejetztnocheinigegenauereAuskünfte zu Ihrem Essverhalten, um den bestmöglichen Be- handlungsplan für Ihre Zähne zu erstellen. Sagen Siemir,sobaldSiesichmitdenFragenunwohlfüh- len. • Machen sich andere Leute Sorgen um Ihr Essver- halten? • Benutzen Sie Abführmittel, um abzunehmen? • Waren Sie schon in psychologischer Behandlung? • Übergeben Sie sich gelegentlich nach dem Essen? Wenn die Person sich durchweg weigert, mit Ihnen über die Probleme zu sprechen, versuchen Sie zu- mindest,denHausarztzuinformieren.KündigenSie dabeinichtan,dassSiedemArztvonIhremVerdacht berichtenwollen,sondernumschreibenSieesdamit, dass Sie gerne den zahnmedizinischen Befund weitergebenwürden.LassenSiesichdieseErlaubnis aber bitte unterschreiben! • Ich würde Ihrem Arzt gerne die Probleme, die Sie mit Ihren Zähne haben, aus zahnärztlicher Sicht mitteilen. Sind Sie damit einverstanden? Hat sich die Person im Verlauf des Gesprächs geöff- net,isteswichtig,dassSieAnlaufstellenfürdiePro- blematiknennen.VersuchenSienicht,daspsycholo- gische Problem zu lösen. Verdeutlichen Sie der Pa- tientin aber genau, welche Auswirkungen ihr Ess- verhalten auf die Zahngesundheit hat. Schaut man z.B. in Internetforen, ist die Angst um die Zähne ein wichtiges Diskussionsthema. Viele Bulimikerinnen haben sich auf den Weg der Therapie begeben, weil sie ihre Zähne schützen wollen. In diesem Sinn unterstützen Sie mit Ihrem Gespräch nicht nur die Zahngesundheit, sondern auch das psychische Wohl. Hat sich die Patientin nicht geöffnet, so haben Sie bestimmt einen Grundstein gelegt, über das eigene Verhalten nachzudenken. Manchmal wirkt es erst Jahrespäter,dadiePersonzudemjetzigenZeitpunkt noch nicht bereit für Veränderungen ist. Grundlegende Zahnpflegetipps sollten Sie in jedem Fall mitgeben und einen engmaschigen Behand- lungsplanvorschlagen.DadurchmerktdiePatientin, dassSiesichtrotzihrerablehnendenHaltungweiter für sie interessieren (z.B. Christensen, GJ [2002], J Am Dent Edu: Oral care for patients with bulimia). _ NachdemErbrechensolltediePatientindenMund mit einer neutralisierenden Flüssigkeit spülen (z.B. Natriumhydrogencarbonat in Wasser). Steht das nicht zur Verfügung, ist eine Spülung mit fluoridi- siertem oder klarem Wasser besser als nichts. _ Die Patientin sollte für 30–60 Minuten nicht die Zähne putzen, da der Zahnschmelz durch die Ma- gensäure aufgeweicht wurde. _ Vorzuziehen ist die Verwendung einer weichen Zahnbürste. _ Erläutern Sie die Nutzung eines Zungenschabers, um die Säure möglichst gründlich aus dem Mund zu entfernen. _ Die Patientin sollte tagsüber Wasser trinken, um Säurereste nachhaltig zu verdünnen. _ Eine Medikamententrägerschiene mit fluoridhal- tigem Gel könnte vor dem Erbrechen eingesetzt werden. _ Beim Essen sollte auf säure- und zuckerarme Pro- dukte geachtet werden. _ KaugummismitXylitolregendenSpeichelflussan. _ Säurehaltige Getränke vorzugsweise mit Stroh- halm trinken, damit die Flüssigkeit weniger an die Zähne gelangt. _Fazit Patientinnen mit Essstörungen fallen in der Zahn- arztpraxis eher auf als im alltäglichen Leben. Die Auswirkungen auf die Zahngesundheit sind enorm, weshalb der Zahnarzt die Problematik ansprechen sollte. Er kann Vertrauen aufbauen, Informationen liefern und den weiteren Verlauf der Krankheit so- wohl zahnmedizinisch als auch psychologisch be- einflussen. DasGesprächistjedochnichtimmerein- fach, da die Patientinnen gelernt haben, ihre Krank- heitzuverstecken.Häufigschämensiesichsogarfür ihrVerhalten. VerdeutlichenSieausSichtdesZahn- arztes mit Ihren Fragen, dass Sie wissen, um was es geht – drängen Sie die Patientin aber nicht. Solange der Überlebenswille der Patientin noch vorhanden ist, werden Ihre Informationen wichtige Puzzleteile im ganzheitlichen Bild der Therapie liefern._ I 49 Spezial _ Psychologie I cosmeticdentistry 2_2010 Dr.Lea Höfel Diplom-Psychologin Dissertation zumThema „Ästhetik“,Internationale Veröffentlichungen und Tagungsbeiträge zu den Themen „Kognitive Grundla- gen der Ästhetik“ und „Psychologie in der Zahn- medizin“.ZusätzlicheAusbil- dungen:Entspannungs- trainerin und Journalistin, Heilpädagogisches/Thera- peutisches Reiten. Kontakt: Dr.Lea Höfel Tel.:0 88 21/7 81 96 42 Mobil:0178/7 17 02 19 E-Mail:lea.hoefel@arcor.de www.psychologie-zahnheil- kunde.de cosmeticdentistry _Autorin
